" ’Papaver’ heißt ’Mohn’ "
Text und Fotos | Reinhard Wylegalla
Unter angehenden Zivis wird das Leipziger Naturkundemuseum längst als Geheimtipp gehandelt. „Es rufen immer mal wieder Interessierte an und fragen, ob sie bei uns ihren Dienst ableisten können“, berichtet Usame Al-Robaiy. Seine Großmutter mütterlicherseits war vor vielen Jahren mit ihrem Ehemann in dessen Heimat, den Irak, gezogen. Vor zwanzig Jahren ist Usame dort zur Welt gekommen. Seit 1993 lebt er mit seinen Eltern und der jüngeren Schwester Lina in Deutschland.
Ursprünglich wollte der junge Mann den Zivildienst in einem Kindergarten ableisten. Doch dort waren schon alle Stellen besetzt. Da erinnerte er sich an seinen ehemaligen Klassenkameraden, der schon das Jahr zuvor als Zivi im Naturkundemuseum gearbeitet hatte. „Er hat mir oft erzählt, wie interessant und abwechslungsreich der Alltag dort ist“, so Usame. Und seine Bewerbung als Olivers „Nachfolger“ hatte schließlich Erfolg.
In puncto Naturwissenschaft ist Usame „vorbelastet“: „Auf dem Gymnasium hatte ich einen Leistungskurs in Biologie belegt und meine Mutter ist Naturwissenschaftlerin am Fraunhofer-Institut“, erzählt der Zivi. Allerdings kommt im Museum auch sein Spaß am Umgang mit Kindern nicht zu kurz: „Oft besuchen Schulklassen oder Kindergartengruppen das Museum. Nach dem Rundgang mit dem Museumspädagogen übernehme ich die Kinder, um mit ihnen zu basteln“, so Usame.
Erst neulich haben Schüler nach einer Führung zum Thema Reptilien mit ihm Schlangen aus Draht und winzigen Perlen gebastelt. Usame: „Weniger geschickten Kindern habe ich dabei ein bisschen geholfen.“ Wenn er Zeit hat, schaut er auch in der Experimentierecke in der dritten Etage nach dem Rechten: „Manchmal entwickle ich neue Ideen für das Arbeitsheft, das junge Besucher zur Entdeckung der Natur anregen soll.“
Schmetterlingskästen, Dermoplastiken und Herbarien
Kreativität ist im Museumsalltag gefragt. Wenn der Zivi morgens den Dienst antritt, schaut er zunächst in das Einsatzheft: „Darin tragen die Mitarbeiter des Hauses ein, wann sie meine Unterstützung brauchen“, erläutert er. Zum Beispiel, wenn er den Museumspädagogen begleiten soll. Oder wenn bei der Rabattenpflege vor dem Museum Hilfe gebraucht wird. Vor kurzem reinigte Usame zusammen mit dem Entomologen das Schaben-Terrarium: „Dabei konnte ich endlich einmal die lichtscheuen Tiere sehen.“
Für eine Dokumentation hat der Zivi auch Kästen mit präparierten Schmetterlingen fotografiert. Besonders gut gefielen ihm die tropischen Morpho-Falter mit metallic-blau schillernden Flügeln. Im Magazin entdeckt Usame häufig ganz besondere Schätze des Hauses, die Besuchern allenfalls in Sonderausstellungen gezeigt werden: „Der Blick hinter die Kulissen ist immer wieder faszinierend“, schwärmt er. Und: „Jeden Tag gibt es neue interessante Aufgaben, bei denen ich viel dazulerne, denn die Wissenschaftler bleiben mir keine Antwort schuldig“, freut sich der Zivi.
Nicht minder beeindruckend war es, beim Einfrieren eines gerade eingelieferten Fuchskadavers zuzusehen. „Wenn der Präparator Zeit hat, wird er das Tier wieder auftauen, es präparieren und lebensecht auf eine Unterlage montieren.“ Usame freut sich schon darauf, dass er dabei dem Präparator über die Schulter schauen darf.
Auch zum Botaniker des Hauses hat der Zivi einen guten Draht. Die Zeiten zwischen den Diensten verbringt er in seinem Arbeitszimmer, das er mit einer Auszubildenden der Stadtverwaltung teilt. Auf seinem Schreibtisch liegen Notizzettel, Skizzen und anderes Arbeitsmaterial. „Zur Zeit schreibe ich am Computer neue Etiketten für die Herbarbelege“, berichtet Usame. Dafür muss er zunächst die vergilbten handschriftlichen Etiketten entziffern und die wissenschaftlichen Termini akribisch abtippen. Dies ist nicht immer einfach, denn für einen Laien klingen botanische Namen zuweilen exotisch. Inzwischen weiß der Zivi aber, dass die Kiefer auf lateinisch „Pinus“ heißt und „Papaver“ der wissenschaftliche Name für Mohn ist.
Kreativität und Improvisations-talent sind ausdrücklich erwünscht
Wenn ihm die Büroarbeit etwas Freiraum lässt, verwirklicht der Zivi auch eigene Ideen: „Zu Hause gestalte ich gern am PC Einladungen, Grußkarten und andere Drucksachen. Im Museum kann ich mein Hobby mit dem Nützlichen verbinden“, freut er sich. Denn auch hier werden natürlich Einladungen zu Sonderausstellungen, Flyer und viele andere Drucksachen gebraucht.
Wenn eine Sonderausstellung aufgebaut wird, ist Usame ebenfalls dabei: „Dafür ist nicht nur handwerkliches Geschick, sondern auch Kreativität und Improvisationstalent notwendig“, weiß er. Demnächst sollen im Museum lebende Spinnen aus den Tropen gezeigt werden. Der Zivi möchte dann gern einmal eine Vogelspinne auf seinen Handrücken setzen. „Die Tiere sollen gar nicht so gefährlich sein, wie ihnen nachgesagt wird“, hat er aus kompetenter Quelle erfahren.
Nach dem Zivildienst möchte Usame studieren. „Vielleicht Biotechnologie. Allerdings will ich mich noch gar nicht definitiv festlegen“, räumt er ein. Es bleiben ihm ja noch ein paar Monate Einsatz im Museum. „Dabei habe ich genug Zeit, um gründlich über meine Zukunftspläne nachzudenken. Ich mache täglich so viele neue Erfahrungen, dass mir vielleicht noch etwas ganz anderes einfällt.“