zivil: Herr Buff, mehr und mehr fällt uns in der zivil-Redaktion auf, dass die Mütter der Zivildienstleistenden anrufen und Infos für ihre Söhne einholen. Können Sie diesen Trend aus Ihrer Beratungsarbeit bestätigen?
Buff: Das lässt sich tatsächlich bestätigen. Das Gespräch über Fragen der Kriegsdienstverweigerung und auch der Dienststellensuche liegt sehr stark in der Hand der Eltern, und da insbesondere der Mütter.
zivil: Woher könnte diese Entwicklung kommen?
Buff: Ich denke, es gibt zwei Linien. Der eine Strang ist, dass die jungen Leute ein anderes Zeitempfinden haben. Sie sagen sich: Das ruht alles noch, das kann ich alles kurzfristig klären, das hat noch Zeit. Die Eltern dagegen, die den Zivildienst noch von früher her kennen, drängen und sagen: Du hast es hier mit Behörden zu tun, das muss man früh machen.
Und die zweite Linie ist: Viele Eltern halten das Taktieren der jungen Leute nervlich nicht aus. Ich habe viele Jungs am Telefon, die wissen: Wenn ich mich gar nicht rühre, dann habe ich eine gute Chance, dass ich gar nichts machen muss. Wenn meine genervte Mutter aber den KDV-Antrag abschickt, dann hänge ich am Fliegenfänger und muss tatsächlich Zivildienst machen.
zivil: Das würde heißen, dass die Zivis heute nicht unselbständiger sind als ihre Vorgänger – sondern dass sie einfach höher pokern?
Buff: Es gibt die Unselbständigen. Aber es gibt auch die, die sagen: Warte doch erst mal in Ruhe ab. Diese Haltung ist der Elterngeneration schwer vermittelbar.
zivil: Schön bequem ist das aber auch, wenn die Mütter alles regeln. Sind solche Dienste der Mütter nicht einfach Teil des gesamten Hotel-Mama-Betriebs?
Buff: Das kommt natürlich dazu: Die wenigen Kinder, die die Familien heute haben, und die absolute Versorgungssituation durch 1:1-Betreuung. Viele junge Menschen haben heute verinnerlicht: Wenn man sich nicht darum kümmert, dann machen’s die Eltern. Von Kindesbeinen an, von Fahrdiensten zur Musikschule bis zur Abholung später von der Disco, fühlen sich Eltern verantwortlich und haben so ein Rundum-Sorglos-Paket für ihre Kinder verinnerlicht.
In der Praxis spüren wir sehr genau, wie sich die Jugend ausdifferenziert. Es gibt junge Leute, die ganz eigenständig ihren Auslandsdienst organisiert kriegen – und es gibt Leute, die völlig unsicher und hilflos sind. Und da kommt etwas aus der männlichen Sozialisation hinzu: Man hat a) kein Problem als junger Mann und b), man verfährt sich lieber drei Mal, als dass man nach dem Weg fragt. Bei der Berufsinformationsmesse kommt die Mitschülerin oder die Freundin an und fragt: Wann muss er den Antrag stellen? Die jungen Männer selber stehen zwei Schritte hinter der Frau, die sich erkundigt.
zivil: Wie gehen Sie als Berater mit diesen Situationen um? Reden Sie mit den Freundinnen und Müttern?
Buff: Ich erhebe immer den pädagogischen Zeigefinger und sage: Das würde ich gerne mit ihrem Freund diskutieren. Ich versuche auch immer die Telefonnummer des Sohnes zu kriegen. Aber ich sage den Eltern nicht mehr, dass ich nur ihren Sohn berate. Das habe ich aufgegeben, denn das bringt nichts. Das erhöht nur die innerfamiliären Konflikte. Ich versuche dann beides: Ich erkläre etwa den Eltern den Weg des Verfahrens – aber die Textpassagen aus der Begründung bespreche ich mit dem Sohn.
zivil: Reicht denn die Fürsorglichkeit der Mütter auch bis in den Zivildienstalltag hinein?
Buff: Durchaus. Ich spreche mit Müttern Dienstpläne durch, diskutiere die Frage, warum er den Urlaub nicht zu seinem Wunschtermin kriegt... Wenn der Zivildienstleistende nicht mit der Dienststelle klarkommt, dann versucht sehr oft die Mutter die Lösung zu finden. Und das kann soweit gehen, dass die Mutter – wenn der „Bub“ unpässlich ist – für ihn einspringt…
zivil: …und den Dienst für ihn macht?
Buff: Ganz genau. Das kann dann so aussehen, dass der Sohn am Wochenende nicht gut drauf ist und das Essen auf Rädern dann von der Mutter ausgefahren wird. Oder dass der Gemeindebrief bei schlechtem Wetter von der Mutter ausgefahren wird, damit der Sohn nicht nass wird – alles erlebt, und zwar mehr als einmal. Was nun wirklich noch die Ausnahme ist, aber vielleicht kommt das ja auch bald breiter: Dass die Mutter für ein paar Tage an die Dienststelle geht, zu den alten Leuten zum Beispiel, dort aufräumt und sauber macht, weil sie mit der Bewohnerin, die dort alleine lebt, viel besser klar kommt als der Sohn.
zivil: Und was sagen die Dienststellen?
Buff: Ich gehe davon aus, dass die Dienststellen das in Einzelfällen wissen und es ihnen egal ist – weil es die Mutter besser macht. Und auch die Mütter selber haben damit kein Problem, weil sie schließlich die Zeit haben – und das entsprechende Selbstverständnis.