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Zivi-Generationen
Thomas Schmid heute, zusammen mit Sohn Michel


Thomas 1980 und heute

Zivildienst gestern und heute: Drei Männer aus einer Familie blicken auf ihre Dienstzeit

Zivi-Generationen

Von Jörg Wild
Der Zivildienst hat seit seiner Institutionalisierung als Wehrersatzdienst eine wechselvolle Geschichte erlebt, die von dieser Zeitschrift lange begleitet wurde. Junge Männer wurden zunächst als Drückeberger geschmäht, ihre gesellschaftliche Anerkennung ließ lange auf sich warten. Viele mussten einen deutlich längeren und anstrengenderen Dienst absolvieren als ihre Freunde bei der Bundeswehr. Heute genießen Zivis einen vorzüglichen Ruf als freundliche, charmante und hilfsbereite Mitarbeiter in sozialen Einrichtungen. Wie sich der Weg in den Zivildienst gewandelt hat, darüber berichten ein Vater und seine beiden Söhne: Thomas, David und Michel Schmid aus Herborn im Westerwald.

„Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“ wusste schon der zeitlos gute Dichter Wilhelm Busch. Aber wie wahr diese Worte sind, erkannte Thomas Schmid Ende der 1970er Jahre noch nicht. Der junge Mann hatte genug damit zu tun, seinen politischen Ideen Ausdruck zu geben, Hoffnungen zu formulieren und irgendwie durchs Abi zu kommen. Im Elternhaus, der Vater war Gemeindepfarrer, gab es noch die älteren Zwillingsbrüder, die nicht unterschiedlicher sein konnten, und eine kleine Schwester. Pazifismus gehörte im Pfarrhaus zur Grundausstattung, die Eltern waren belesen, politisch interessiert und tief im Glauben an das Evangelium verwurzelt. In der Bergpredigt sahen sie mehr als nur schöne Worte.
„Ich habe in meiner Kindheit und Jugend gelernt, dass Gewalt, egal in welcher Situation, kein Mittel ist, um Auseinandersetzungen zu führen“, erklärt Thomas heute. „Die christlichen Werte der Nächstenliebe, der Gewaltlosigkeit, des Vergebens und des Akzeptierens, die auch Grundlage unserer Erziehung waren, spielen für mich bis heute eine wichtige Rolle in meinem Leben.“
Dennoch, auch im Pfarramt jagen sich die Dispute, so wie die Gesellschaft generell diskussionsfreudig und – rückblickend hat es den Anschein – globalpolitisch interessierter war. Während einer der beiden Zwillingsbrüder selbst Theologie studiert, verpflichtet sich der andere als Zeitsoldat. Die Friedensbewegung lockt Hunderttausende an, so auch Thomas. „Mindestens zur Hälfte, wenn nicht mehr, war meine damalige Entscheidung, den Kriegsdienst zu verweigern natürlich auch politisch."

David, links, im Zivildienst, den er in einer Einrichtung für psychisch Kranke absolvierte
Familie Schmid komplett

Entscheidung gegen Krieg und Gewalt

Zeitsprung in die Gegenwart: Thomas steht inzwischen in Lohn und Brot, er hat geheiratet und lebt gemeinsam mit seiner Frau Tine und den beiden Söhnen David und Michel sowie Tochter Jule. Nach wie vor spielen christliche Werte in der Familie eine wichtige Rolle, denn auch Tine entstammt einer Gemeinschaft mit tief verwurzelter, aber nicht dogmatisch gelebter Religiosität. Pazifismus heißt im Hause Schmid nicht nur, friedlich miteinander umzugehen, sondern auch, „dass Krieg als Mittel der politischen Auseinandersetzung niemals eine Lösung sein darf“, wie die Eltern Thomas und Tine unisono erklären.
Und die Söhne? Der 23-jährige David hat seinen Zivildienst abgeleistet und erklärt rückblickend seine Gründe für die Verweigerung. „Die Entscheidung hatte bei mir eher ethisch-moralische Gründe, da ich Krieg und Gewalt nicht als legitimes Mittel ansehe, um Konflikte zu lösen. Politische Aspekte waren, dass ich generell kein Freund des Militärs bin, weil ich diesen blinden Gehorsam in der Befehlskette, wo jeder Befehl ohne jegliches eigenes Denken umgesetzt werden muss, nicht mag.“ Auch das Studium von Geschichte für Lehramt bestätigt offenbar sein Denken: „Man hat doch schon oft genug gesehen, wohin diese Art der Gehorsamkeit führen kann.“
Auch Michel, knapp 21 Jahre alt und politisch engagiert, sieht seinen Weg in den Zivildienst vor allem auf einer moralischen Basis. „Politik spielte bei meiner Entscheidung keine große Rolle, da selbst die Partei meiner Wahl sich nicht rigoros gegen Krieg ausspricht. Der Hauptgrund für meine Verweigerung war moralischer Art.“

Thomas, 1980, beim Gitarrespiel
Auch Sohn Michel macht Musik

Grundrecht nur für geprüfte Gewissen

Die 1980er Jahre waren keine gute Zeit für Kriegsdienstverweigerer gewesen. Man muss wohl sagen: Immer noch nicht. Eigentlich hätte die Gesellschaft rund 30 Jahre nach der Wiederbewaffnung und der Einführung eines „zivilen Ersatzdienstes“ längst erkennen können, welch wichtige Rolle die Zivis fürs Gemeinwohl spielen. Aber das Stigma des „Drückebergers“ hielt sich hartnäckig. Hinzu kam ein rigoroses Anerkennungsverfahren, das viele junge Männer in ernsthafte Gewissenskonflikte stürzen sollte. Was tun, wenn man nicht als Verweigerer anerkannt werden würde?
Thomas wiederholt heute, was er mit Familie und Freunden damals oft diskutierte: „Für mich war klar, dass ich sowohl aus Gewissensgründen, die mir verbieten, Gewalt anzuwenden, als auch aus einer politischen Ablehnung der Bundeswehr heraus, niemals einen Dienst mit der Waffe antreten würde.“ Als Sohn eines Pfarrers konnte er die seinerzeit noch nötigen „guten Referenzen“ aus dem persönlichen Umfeld problemlos vorlegen und hätte eigentlich umgehend anerkannt werden müssen. Aber niemand blickte in die Seelen der Kommissionsmitglieder, die über Wohl oder Wehe der Verweigerer zu entscheiden hatten. Wie tief deren innere Not war, lässt sich aus Thomas’ Schilderungen nur erahnen.
„Ein Dienst an der Waffe war und ist für mich völlig ausgeschlossen“, betont Thomas bis heute. „Ich wollte anfangs lediglich von meinem Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen Gebrauch machen.“ Die Erinnerung an die obligatorische mündliche Verhandlung deprimiert ihn bis heute. „Ich war sicher, dass ich meine Gewissensgründe gut darstellen könnte, auch wenn ich diese nicht auf meinen christlichen Glauben, sondern auf meine eigenen, menschlichen Einstellungen berief, und war zuversichtlich, auch anerkannt zu werden.“ Aber die Prüfungskommission, besetzt mit pensionierten Soldaten, wollte seiner Argumentation nicht folgen – zumal Thomas auch ablehnte, im Sanitätsdienst der Bundeswehr zu arbeiten. Auch für den Dienst bei den Sanis hätte er im Vorfeld auf jeden Fall eine Grundausbildung an der Waffe absolvieren müssen.

Michel absolviert zurzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr

Verweigerer vor Gericht

Zweimal, vor dem Prüfungsausschuss und vor der Prüfungskammer, wurde sein Antrag zurückgewiesen. „In der Ablehnungsbegründung hieß es dann, ich würde einen verwundeten Soldaten lieber verbluten lassen, als ihm zu helfen. Und eine solche Einstellung vereinbare sich ja wohl nicht mit den Grundwerten der Gewaltlosigkeit.“ Später sagt Thomas noch: „Es gab das Gefühl, nicht wirklich selbst etwas tun zu können, um anerkannt zu werden. Die Willkür der Entscheider war bekannt.“ Die letzte Chance war, das Recht auf Kriegsdienstverweigerung gegen die Bundesrepublik vor Gericht einzuklagen.
„Ich wollte das zunächst nicht“, erklärt Thomas. „Meine damalige Position war klar: Ich gehe nicht zur Bundeswehr! Ich biete an, einen entsprechenden ‚Wehrersatzdienst’ zu leisten! Ihr lehnt das ab?! Dann mache ich eben gar nichts, aber ich gehe nicht zur Bundeswehr, und wenn ihr euch auf den Kopf stellt! Die Folge einer solchen ‚Totalverweigerung’ wäre eine Gefängnisstrafe gewesen, mit der die Wehrpflicht aber nicht erfüllt gewesen wäre. Am Ende der Haft hätte ich am selben Punkt gestanden, wie davor. Nach langen Gesprächen mit meinem Vater, meinem Bruder Andreas und mit vielen guten Freunden habe ich mich also entschlossen, mein Gewissen doch von einem Gericht prüfen zu lassen.“ Dieses Verfahren brachte dann endlich die Erlösung, Thomas wurde als Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen anerkannt.
Heute ist das Anerkennungsverfahren einfacher, transparenter, unbürokratischer. Das bestätigt auch Michel. „Ein eineinhalbseitiger Brief mit Gründen für die Entscheidung genügte, und die Verweigerung wurde sofort anerkannt.“ Und schmunzelnd ergänzt er: „Ich denke, es hätte auch ein kürzerer Brief getan.“ Und David bestätigt: „Ich habe bis jetzt von nur einer Person gehört, bei der die Verweigerung im ersten Versuch erfolglos war – und das auch nur, weil der geschrieben hatte, dass er keinen Bock auf die Bundeswehr hat.“

David begann nach dem Zivildienst ein Lehramtsstudium

Zivildienst prägt

Es gibt lockere Jobs im Zivildienst. Und es gibt sehr anstrengende. Den drei Schmids war wichtig, dass sie mit ihren „Diensten“ soziale Arbeiten verrichten und gleichzeitig auch Sozialkompetenzen erwerben konnten. Thomas leistete seinen Ersatzdienst in den Jahren 1981 und 1982 ab, 16 Monate lang in einem Krankenhaus. Die Erfahrungen dort waren für ihn so erfüllend, dass er das ursprüngliche Ziel einer Karriere als Lehrer an den Nagel hängte und im Anschluss an den Zivildienst eine Lehre als Krankenpfleger absolvierte. Seit knapp 30 Jahren arbeitet er in diesem Beruf, in wechselnden Aufgaben und Bereichen.
David leistete seinen Zivildienst in der Ergotherapie des Rehbergpark Herborn ab, eine Einrichtung für psychisch kranke Menschen. Michel betreute einen körperlich behinderten Jungen während der Schulzeit in der Integrationshilfe. „Das Ziel war es, dem Jungen einen weitgehend normalen Schulalltag zu ermöglichen, was auch über rein praktische Tätigkeiten hinausging“, erläutert er.
Zivildienst prägt den Zivi, seine Umgebung und die Menschen, an denen er „Dienst“ tut. Das Beispiel von Thomas belegt, wie sehr der Ersatzdienst das Berufsbild umkrempeln kann. Diese Erfahrung machte auch Michel, der zurzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr als Rettungssanitäter absolviert.
„Der Zivildienst hat mich viel im Umgang und in der Zusammenarbeit mit Menschen gelehrt, besonders mit Kindern. Da ich ein Jahr lang mit Kindern zusammengearbeitet habe, bin ich in den Genuss gekommen, mit den verschiedensten Gefühlslagen umgehen zu müssen. Immerhin bin ich in dem Jahr zu einer Art Vertrauensperson der Kinder geworden. Die bedingungslose Ehrlichkeit von Kindern brachte mich auch in die Situation, mich meinen eigenen Fehlern zu stellen und mit den Kindern darüber zu reden.“ Michel hat inzwischen seinen Plan eines Lehramtsstudiums über den Haufen geworfen. Nach dem FSJ wird er eine Krankenpflegerausbildung beginnen. „Und danach werde ich wahrscheinlich Medizin studieren.“
Auch David bestätigt: Zivildienst ist ein prägendes Erlebnis in der Entwicklung eines jungen Menschen nach der Schulzeit. „Ich hatte zwar keinen intensiven Kontakt mit den Patienten, trotzdem setzt man sich natürlich mit diesem Thema auseinander und nimmt so etwas dann ganz anders wahr, da gerade psychische Probleme ja immer noch ein Tabu-Thema in unserer Gesellschaft sind. Der Dienst, die Kontakte, die Systematiken von Ergotherapie und auch die Arbeit im Team, das alles sind natürlich ebenfalls Erfahrungen, die ich mit in meinen nächsten Job nehme.“

Detailaufnahme aus Davids Zivildienststelle

Die Zukunft des Zivildienstes – oder: Ersatz für den Ersatzdienst

Es hat sich herumgesprochen, dass der Zivi längst mehr ist als ein Lückenbüßer im Räderwerk von sozialen Organisationen. Viele Einrichtungen könnten ohne Zivis ihre Aufgaben kaum mehr so professionell erledigen. Die Finanzierung von Trägern sozialer Dienste und von Wohlfahrtsverbänden, so ist von einigen sogar zu hören, würde ohne ihre friedensbewussten Helfer kollabieren. Doch die stetig sinkende Dienstzeit setzt der notwendigen Ausbildung und dem sinnvollen Einsatz Grenzen, wie die aktuelle Diskussion um die Verkürzung der Wehrpflicht eindrucksvoll belegt. Längst haben Politiker und Verbände dieses Problem erkannt und setzen auf Ersatzlösungen für den Ersatzdienst. Die verschiedenen Formen des Freiwilligen Sozialen Jahres boomen. Stellen die Freiwilligendienste also den Zivildienst in den Schatten? Laufen sie ihm den Rang ab? David und Michel hätten mit dieser Entwicklung keinerlei Problem. „Ich sehe heute keinen Unterschied mehr zwischen Zivildienst, FSJ oder FÖJ“, meint David. Aber Thomas, der Vater, gibt zu bedenken: „Für mich ist der Zivildienst nach wie vor die Dokumentation der Ablehnung des Wehrdienstes mit der Waffe. Wer Wehrdienst leistet, nimmt unweigerlich in Kauf, auch in kriegerische Auseinandersetzungen einbezogen zu werden, auf Menschen, die er nicht kennt, schießen zu müssen, mit der klaren Absicht sie zu töten. Als Zivi habe ich mich ganz bewusst gegen den Wehrdienst entschieden.“ Dass Zivis klar als Kriegsdienstverweigerer identifiziert werden können, findet Thomas gut und wichtig. Bei einem jungen Mann, der ein FSJ macht, weiß man nicht automatisch, ob er verweigert hat. Aber auch Thomas betont die gemeinsamen Aspekte von Zivil- und Freiwilligendiensten: „Diese Zeit lenkt ein wenig von der eigenen Person ab, öffnet den Blick für anderes und schärft ihn und lässt neue Perspektiven zu. Und es gibt den jungen Menschen etwas mehr Zeit, um sich auf das spätere Hauen und Stechen im Leben vorzubereiten.“ Dass die Dienste der jungen Menschen allesamt nicht nur soziale Bedeutung für den Einzelnen und die Gesellschaft haben, sondern immer stärker als Zeit zur Orientierung genutzt werden, darin sind sich alle drei Generationen-Zivis einig.