Von Patrick Seyboth
Der querschnittgelähmte Ben geht nicht gerade sanft mit seinen Zivis um. Er kommandiert sie gnadenlos herum, ruft sie gerne „Schwester“ und kokettiert mit seinem Zynismus. Stets ist ihm seine Verbitterung anzumerken – obwohl er an der Oberfläche ganz gut mit seiner Tetraplegie umzugehen scheint; er fährt einen ziemlich schicken Oldtimer mit behindertengerechter Lenkradschaltung, und seine Magisterarbeit ist so gut wie fertig. Was ihn an den Rollstuhl fesselte, das verrät der Film erst sehr spät. Womit wir bereits bei seiner einzigen größeren Schwäche wären: Die dramatisch aufgedonnerte Entwicklung gegen Ende, wenn Bens Trauma aufgerollt und bearbeitet wird, hätte „Renn, wenn du kannst“ überhaupt nicht nötig. Denn ansonsten erzählt er wunderbar entspannt und charmant, verbindet Komödiantisches mit Romantischem und würzt das mit einer Prise recht scharfen schwarzen Humors. Und er schafft es schon nach wenigen Minuten, dem Zuschauer seine Figuren nahe zu bringen, sogar diesen von Robert Gwisdek großartig gespielten Rollstuhlfahrer, der zunächst als schlimmer Kotzbrocken erscheint. Seinem neuen Zivi Christian, verkörpert von Jakob Matschenz, verlangt er ein gerüttelt Maß an Gelassenheit ab. Doch der weiß sich freundlich abzugrenzen und verschafft sich dadurch schnell Bens Respekt.
Aber schon vor seinem Antrittsbesuch stimmt Dietrich Brüggemanns Film einen ganz eigenen Ton an, in einer sehr poetischen Sequenz: Ein Luftzug erfasst die Blätter von Bens Magisterarbeit und weht sie aus dem Fenster des Hochhauses, Ben schaut den Blättern mit seinem Fernrohr nach, wie sie langsam nach unten segeln. Das Titelblatt landet direkt vor den Füßen Christians, der es aufhebt und fast von einer Fahrradfahrerin mit großem Cellokasten auf dem Rücken über den Haufen gefahren wird. Die junge Frau fällt kopfüber vom Rad. Christian hilft ihr auf, doch die Radlerin hat es eilig: „Sorry für den Unfall, danke für die Hilfe. Tschüss.“ Von nun an werden diese drei sich näher kommen, der Behinderte, sein Zivi und die Musikstudentin Annika, gespielt
von Anna Brüggemann, der Schwester des Regisseurs, die, wie schon bei „Neun Szenen“, mit ihm zusammen auch das Drehbuch verfasst hat.
Wie vieles andere in diesem Film ist eine solche zufällige Verknüpfung dreier Leben in einer Szene nicht unbedingt realistisch; immer wieder wird mit Stilisierungen gespielt, teils komödiantisch, teils verträumt. Und doch behält die Geschichte ihre Bodenhaftung, bleibt glaubwürdig, was vor allem an diesen lebendigen Charakteren liegt.
Ein desaströses Vorspielen der Cellistin Annika wird zum Vorspiel einer Ménage à trois, denn zwischen den dreien bleibt es nicht bei freundschaftlichen Gefühlen. Beide Männer verlieben sich in Annika und werden zu Konkurrenten, obwohl Ben seiner Sehnsucht nach Liebe abgeschworen hat, denn „auf Rollstuhlfahrer stehen nur ganz, ganz, ganz komische Frauen“. Doch die hübsche und gar nicht komische Annika wird im Verlauf dieses heiter-ernsten Ringelreigens sogar mit ihm im Bett landen. Wie peinlich hätte eine solche Szene zwischen Urinalschlauch und Viagra werden können, wie schnell kippen gerade deutsche Komödien da ins Klamottenhafte. Dietrich Brüggemann aber inszeniert sie mit Takt und Feingefühl, intim und direkt, unverkrampft und komisch. Wie hat frau Sex mit einem, dessen Unterleib leblos ist? Und wie kann man das Zusammensein mit einer Frau genießen, wenn man ihr erst eine Bedienungsanleitung für seinen Körper geben muss?
Es gibt noch mehr solcher delikater Momente, in denen vor allem die gewitzten und originellen Dialoge immer die Balance halten zwischen Humor und Emotionalität. Mitreißend ist „Renn, wenn du kannst“ vor allem deshalb, weil er alles andere als ein Problemfilm ist, aber doch so viele Probleme anspricht, die Behinderte mit Nichtbehinderten, und Nichtbehinderte mit Behinderten haben. Das macht er ganz beiläufig, denn im Vordergrund steht wie bei Christian und Annika auch bei Ben, dass er ein Mensch ist, mit Stärken und Schwächen.
Gerade deshalb ist Behinderung auch nur ein Aspekt in diesem an Themen und Stimmungen reichen Film. Es geht ebenso ganz allgemein um Freundschaft, um Liebe und ums Jungsein. Ganz nebenbei auch: um den Wert des Menschlichen jenseits von Marktwert, Attraktivität und Leistung. In diesem Punkt meint es „Renn, wenn du kannst“ in all seiner Leichtigkeit ganz ernst. Und das macht ihn besonders sympathisch.
„Renn, wenn du kannst“
Regie: Dietrich Brüggemann, gedreht im
Ruhrgebiet 2009, Kinostart: Juni 2010