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Aktion

Die „geflogene“ Spur: Unterstützung aus der Luft
Konfirmanden übernehmen die Pinsel: Wochenlang hatten sich Jugendliche auf die Ankunft der Spur vorbereitet.
Menschenkette: Mit bunten Luftballons säumen Menschen mit und ohne Behinderung die Straße
Die ersten Meter: In Grafeneck begann die 70 Kilometer lange Linie.

Farbe gegen das Vergessen

Kreativ und nachahmenswert: Eine 70 Kilometer lange Farblinie erinnert bei Stuttgart an die behinderten und kranken Opfer der ersten „Mordfabrik“ im NS-Staat

Von Werner Schulz
Ein kurzer Federstrich markierte den Tod: Durch ein unscheinbares rotes Pluszeichen kennzeichneten skrupellose Beamte des Naziregimes zwischen 1939 und 1941 das Todesurteil für zigtausend Menschen. Aus der Ferne und anhand von standardisierten Meldebögen beurteilten die NS-Gutachter den „Lebenswert“ behinderter und psychisch kranker Menschen. Das rote Plus bedeutete die Ermordung, ein blaues Minus ließ die nur gering Beeinträchtigten am Leben.
Mit einem breiten Pinselstrich folgte jetzt das Gedenken: Mit der lilafarbenen „Spur der Erinnerung“ gedachten Mitte Oktober dieses Jahres viele Tausende in der württembergischen Region der Opfer von damals. Genau 70 Jahre nach den Anfängen der so genannten „Euthanasie“-Morde zogen die Menschen eine 70 Kilometer lange, unübersehbare Farbspur auf Straßen und Wege. Die Linie gegen das Vergessen beginnt am Ort des Mordens – und sie endet am Arbeitsplatz der damaligen „Schreibtischtäter“, am Stuttgarter Innenministerium.

Zwei Jahre Vorbereitung

In Grafeneck, nahe der Stadt Münsingen auf der Schwäbischen Alb, nahmen die systematischen Massentötungen der Nazi-Ideologen ihren grausamen Anfang. Allein hier wurden mehr als 10.600 Menschen in einer beschlagnahmten und zur Mordfabrik umgebauten Pflegeanstalt vergast (zivil berichtete ausführlich in Ausgabe 1/2009). An das unvorstellbare Leid für Opfer und Angehörige soll die Farbspur erinnern.
Initiiert wurde die bundesweit einmalige Gedenk-Aktion von den Stuttgarter Bürgerprojekten „Die Anstifter“ und „Stolpersteine“. Vor zwei Jahren bereits hatten die Organisatoren mit den Vorbereitungen begonnen – mit erfreulich großer Resonanz: In allen Städten und Gemeinden entlang der Farbspur fanden schließlich Gedenkveranstaltungen, Gottesdienste, Konzerte, Luftballonstarts oder Menschenketten statt. Sämtliche Schulen, alle Kirchengemeinden und die Behinderteneinrichtungen entlang der Strecke beteiligten sich an der viertägigen Aktion. In vielen Fällen konnten die Schicksalswege von ortsansässigen Betroffenen nachgezeichnet und in Erinnerung gerufen werden. Schulklassen und Konfirmandengruppen stellten selbst gestaltete Mahnmale, Skulpturen, „Fragezeichen“ und Erinnerungstafeln neben der Strecke auf.
Zusätzlich zur gemalten Farbspur gab es die „gelaufene Spur“ der Jogger und Sprinter oder die „gefahrene Spur“ der Rolli- und Radfahrer. Und die Esslinger Fachhochschule für Luftfahrt schickte für die „geflogene Spur“ sogar ein Flugzeug mit Banner in die Luft, sorgte so für zusätzliche Aufmerksamkeit und dokumentierte die Aktionen von oben.

Bundesweit einmalige Aktion

Vor allem durch die kreativen und fantasievollen Beiträge tausender junger Menschen hob sich die „Spur der Erinnerung“ positiv von althergebrachten Gedenkveranstaltungen ab. Tage- und wochenlang hatten sich Schüler- und Jugendgruppen auf die Ankunft der Spur in ihrem Umfeld vorbereitet, hatten Referate, Präsentationen, Videos, Bilder, Skulpturen und Musikstücke erarbeitet. Aus dieser Mischung von tatkräftigem Gestalten und innerer Beteiligung erwachsen vielfältige Chancen, um aus der symbolischen Aktion eine vielleicht länger anhaltende Verbindungslinie zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu ziehen.

Eine DVD (30 Minuten) über die gesamte Aktion ist zum Preis von 14,95 Euro erhältlich unter:
www.die-anstifter.de