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Reise
Bonner Mitglieder der CouchSurfer-Community
Clara von Recklinghausen aus Bonn in Mumbai

Zu Gast auf den Sofas der Welt

CouchSurfer entdecken andere Länder und Regionen auf ihre ganz eigene Art

Text und Fotos von Jörg Wild

„Platz ist in der kleinsten Hütte“, wusste der Volksmund einst über Gastfreundschaft zu berichten. Doch die Globalisierung ist nicht unbedingt ein Quell der Gastlichkeit, und so müssen viele Menschen in Hotels und Pensionen Quartier finden. Anders CouchSurfer: Die helfen sich ganz gezielt und bewusst und gegenseitig – und bringen damit viel persönlichen Charme in die Individualreise. 
Clara von Recklinghausen schwärmt noch heute von ihrer Reise nach Indien, die sie sich zum bestandenen Abitur gegönnt hat. Drei Monate ist die junge Frau zunächst alleine und dann mit einer Freundin durch den Subkontinent gereist und hat viel, sehr viel gesehen. Doch besonders beeindruckend war die Begegnung mit Avinash Dhyani in Delhi. Der damals 21-Jährige nahm sich extra für seine 19-jährige CouchSurferin vier Tage Urlaub und zeigte ihr ausführlich „seine“ Stadt. Dabei hätte er ihr eigentlich nur eine kostenfreie Schlafgelegenheit bieten brauchen.
Das Beispiel zeigt, CouchSurfen ist durchaus keine Beschäftigung, bei der man sich vom heimischen Sofa aus bequem die Welt anschaut. Die Mitglieder der Web-Community 
www.couchsurfing.org stellen ein Profil in die Seite mit dem sie Reiseunterkünfte kostenlos anbieten oder in Anspruch nehmen können. Dabei gibt es in der Angebots- und Nachfrageliste durchaus Unterschiede: Man kann ein Dach über dem Kopf des Reisenden bieten, man kann sich aber auch nur bereit erklären, einem Fremden mal die Stadt zu zeigen. Wer sich wie einbringen möchte, das alles zeigt das Profil, bei dem sich Surfer und Gastgeber – sogenannte „Hosts“ im Vorfeld einer Reise beschnuppern können... (mehr steht in der neuen zivil)

Wo Weltenbummler wohnen

Hospitality Club ermöglicht überall eine kostenlose Unterkunft

Von Janek Schmidt
Als Veit Kühne vor einigen Jahren nach Südamerika aufbrach, hatte er einen Traum. Die Idee, die ihm damals ganz plötzlich gekommen war, beschäftigt ihn noch heute. Doch inzwischen sind mehr als 100 000 Menschen dabei, sie zu verwirklichen – und täglich werden es einige dutzend mehr. Der Student hatte die Vision, durch alle Länder der Welt zu reisen und in jedem noch so entlegenen Ort von einem freundlichen Gastgeber empfangen und für ein paar Tage aufgenommen zu werden.
„Träum weiter“, hätte sich Kühne denken und es dabei belassen können. Doch das tat er nicht. Stattdessen gründete er den Hospitality Club, den Club der Gastfreundschaft. „Die Idee ist ganz einfach“, erklärt er. „Ich wollte ein weltweites Netzwerk für Menschen schaffen, die gerne verreisen und auch gerne Reisende bei sich aufnehmen.“ Als Treffpunkt entwarf er die Website hospitalityclub.org. Dort kann sich jeder Reiselustige kostenlos anmelden und danach andere Clubmitglieder nach Reisetipps, besonderen Sehenswürdigkeiten oder nach einer Unterkunft fragen.
Kein Mitglied des internationalen Netzwerks ist verpflichtet, andere bei sich aufzunehmen; wer gerade keinen Platz oder aus irgendeinem Grund keine Lust auf Gäste hat, sagt einfach ab. Doch an Platz und Lust scheint es nicht zu mangeln: Schon bald nachdem Kühne den Club im Juli 2000 gegründet hatte, erreichten ihn die ersten Rückmeldungen, und nach sechs Monaten hatten sich 300 Mitglieder im Club angemeldet.

Testfahrt nach Südamerika

Kühne war damals 22 Jahre alt und stand kurz vor dem Abschluss seines Diploms. Doch anstatt seine Karriere zu planen, wollte der Betriebswirtschaftsstudent erst noch seinen Traum vom Reisen ausleben. So brach er auf nach Südamerika, um den von ihm ins Leben gerufenen Hospitality Club in der Praxis zu testen.
„Es war super, die ersten Clubmitglieder in Chile zu treffen“, erinnert er sich heute. Eine davon war Anna Harkko, sie nahm Kühne damals bei sich in Santiago auf und ist seitdem zu einer lokalen Hospitality-Club-Größe geworden: „In den letzten Jahren haben fast 300 Leute aus über 50 Ländern bei mir übernachtet“, erzählt sie. „Außerdem organisiere ich immer wieder Treffen für Clubmitglieder in Santiago.“
Kühne kehrte erst ein Jahr und viele bewegende Begegnungen später von seiner Reise zurück. Von den positiven Erfahrungen angespornt, gab er seinem Traum eine neue Dimension: „Um vielen Menschen ähnliche Begegnungen zu ermöglichen, wollte ich den Club über die ganze Welt verbreiten und nahm mir vor, eine Million Mitglieder zu finden.“ Was damals noch absolut utopisch anmutete, scheint heute bereits im Bereich des Möglichen zu liegen. Das Netz an Mitgliedern erstreckt sich über fast 200 Länder und umspannt den gesamten Globus: von der Antarktis bis nach Zypern.

Großes Treffen in der Normandie

Und mit jedem neuen Mitglied wird die Mundpropaganda um eine Stimme lauter. Einst hatte es drei Jahre gedauert, bis sich die ersten 6000 Mitglieder eingefunden hatten: jetzt melden sich manchmal in nur drei Wochen ebenso viele an. Zahlreichen Clubmitgliedern geht es in erster Linie um einen kostenlosen Schlafplatz. Manche suchen auch ein Visum oder einen Partner, aber solche Mails werden meist von freiwilligen Helfern abgefangen und in den elektronischen Papierkorb geworfen.
Für einige Mitglieder spielt der Hospitality Club jedoch inzwischen eine ganz besondere Rolle. So zum Beispiel für Pierre Marais, der im vergangenen Juli im französischen Dorf Monnai in der Normandie ein Sommerfest für 450 Angehörige der Hospitality-Gemeinde organisierte. „Für mich ist der Club eine Art Gemeinschaft zur Völkerverständigung geworden“, sagt Marais.
Wenn Clubgründer Veit Kühne solchen Leuten wie Pierre beim Philosophieren zuhört, lächelt er zufrieden und fühlt sich und seine Idee bestätigt. Natürlich hat auch er an dem Sommerfest in der Normandie teilgenommen und dabei zahlreiche neue Bekanntschaften geschlossen. Inzwischen hofft er, künftig mit mehr derartigen Treffen auch einen persönlichen Beitrag zum Frieden leisten zu könne. „Jemand, der Freunde auf der ganzen Welt hat, wird auch keinen Krieg mehr führen“, sagt er. „Gegen Freunde führt man doch keinen Krieg,“  www.hospitalityclub.org