"Kunst hilft"
Seit 15 Jahren ruft die Zeitschrift zivil die Leserschaft zu einem künstlerischen Wettbewerb auf – aus den beeindruckenden Arbeiten entstand jetzt eine Wanderausstellung
Von Werner Schulz
Der Kopf einer alten Frau ist zu sehen, weiße Bettdecke, weißes Kopfkissen. Der Mund der Frau ist faltig, die Lippen sind eingefallen. Schläft sie? Ist sie tot? An der Wand hängt ein Kruzifix. Ein ruhiger, stummer Augenblick. Eingefangen in einer Kohlezeichnung von ZDL Alexander Weber aus Bonn.
Der Künstler schreibt zu seinem Bild: „Man verzeihe mir, aber nach sieben Monaten in einem Altenpflegeheim kann ich nicht mehr mit Farbe malen. Täglich Tod, Fäulnis, Not. Alles ist Asche und Staub. Kunst hilft. Kunst ist ein Ventil. Kunst wird zum Ausdruck von Entsetzen und Wut.“
Da malt sich einer etwas von der Seele. Da findet einer für sich einen Weg, das Erlebte rauszurücken, nicht wegzustecken, sich auszudrücken, nicht einzumauern. Und da wird spürbar, dass dieser Dienst einen tatsächlich auch an den Rand seiner Kräfte bringt: „Ich verliere mich“, schreibt der Zivi am Schluss.
In vielen Arbeiten, die uns unsere Leser im Laufe der vergangenen 15 Jahre zum Wettbewerb „zivil-Kunstpreis“ eingereicht haben, stehen die Grautöne und die dunklen und düsteren Seiten, die der Zivildienst mit sich bringt, im Vordergrund: Krankheit, Leiden, Schmerz, körperliche und seelische Not, das Sterben und der Tod… Bilder, die sich mit diesen Themen befassen, wurden besonders häufig eingereicht. Kein Wunder: Mit dieser Seite des Lebens sind viele Zivis während ihrer Arbeit konfrontiert, nicht selten zum ersten Mal und nicht selten völlig unvorbereitet.
Für manche von ihnen mag hier die künstlerische Gestaltung und Umsetzung ein Weg zum seelischen Ausgleich sein. Es ist hilfreich, wenn man über belastende Erfahrungen reden kann. Sie nonverbal ins Bild zu setzen und künstlerisch zu be – und verarbeiten kann – wie unser Leser schrieb – eine zusätzliche Hilfe sein.
Themen aus der Zeitschrift zivil
Die formalen und thematischen Vorgaben für den Wettbewerb waren in allen Jahren sehr weit gefasst und offen. Eingereicht werden konnten eigene Arbeiten aus den künstlerischen Bereichen Malerei, Zeichnen (Karikaturen), Grafik, Schnitttechnik und Plastik. Und tatsächlich waren auch alle Techniken regelmäßig vertreten, wobei der Schwerpunkt eindeutig bei der Malerei liegt.
Da der Wettbewerb offen für alle zivil-Leserinnen und -Leser ist, haben sich nicht nur Zivis, sondern immer auch andere sozial – und friedensinteressierte Menschen beteiligt.
Die vorgegebenen Themen des Wettbewerbs entsprachen den Themen der Zeitschrift zivil: „Vorrang für eine Kultur der Gewaltfreiheit“, „Soziales Lernen und Hilfe für den Nächsten“, „Miteinander in der einen Welt“, „Engagement für die bedrohte Schöpfung“.
Dass sich zahlreiche Wettbewerbsbilder mit den Folgen militärischer Gewalt befassen, mit Waffen, mit Krieg und auch mit Terror, erklärt sich aus dem gemeinsamen Nenner der überwiegenden Leserschaft: Zivildienstleistende sind Kriegsdienstverweigerer. Und nach wie vor hört für viele unter ihnen die Auseinandersetzung mit Krieg und Militär mit dem Dienstantritt als Zivi nicht auf.
Auch die Arbeiten zum Themenkreis Krieg lassen erkennen, dass sie aus einer ernsthaften, persönlichen Auseinandersetzung heraus entstanden sind. Keine „schönen“ Bilder wurden da eingereicht, aber Werke, die in der Realität ihre Entsprechung finden.
zivil-Leserinnen und -Leser sind in der Mehrzahl junge Erwachsene, aktiv, engagiert, voller Energie und Lebenslust und man darf getrost annehmen, dass die Kunstschaffenden unter ihnen gerne auch die schönen Dinge des Lebens um sich sehen und abbilden, also etwa lieber die eigene Freundin porträtieren als das hungernde Kind in Somalia. Aber wer mit offenen Augen lebt, sieht die Welt wie sie ist, und also entstehen nicht nur Bilder, die man malen „wollte“, sondern auch die, die man malen „musste“.
Gemalte Anklage
Ähnliches gilt für Arbeiten, die sich mit Rechtsextremismus und Ausländerhass befassen. Das Bild von dem in Brand gesteckten Haus in Solingen, in dem fünf Mädchen und Frauen zu Tode kamen, ist kein „schönes“ Bild. Vielmehr demonstriert es so etwas wie eine gemalte Anklage und ein Zeichen des Mitempfindens mit den Opfern solcher Verbrechen. Bildtitel wie „Alte und neue Faschos“, „Nicht nur in Rostock“, „Toleranzsuche“, „Death in Germany“ brandmarken Gewalt und Intoleranz innerhalb unserer Gesellschaft. Andere Bilder dagegen drücken positiv Visionen aus von einer Welt, die anders sein könnte, lebenswerter, bunter, toleranter, multikulturell. Die Kunst als Freiraum für die Hoffnung.
Inhaltlich werden die Arbeiten naturgemäß von den je aktuellen gesellschaftlichen und politischen Diskussionen und Ereignissen stark mitgeprägt: Ende der achtziger Jahre etwa der Streit um atomare Hochrüstung, der Ärger über militärische Tiefflieger, Horrorvisionen vom künstlich erzeugten Menschen. Der Golfkrieg Anfang der Neunziger, der Krieg in Bosnien, der Genozid in Ruanda, Streit um das Asylrecht, deutsche Skinheads und Neonazis… bis hin zur Enttabuisierung der häuslichen Gewalt in jüngerer Zeit.
Eine kleine Auswahl der Wettbewerbsarbeiten zum zivil-Kunstpreis ist ab September 2004 in einer Wanderausstellung zu sehen1. Diese Ausstellung ergänzt die Ambitionen und die Tradition, in der sich die Zeitschrift zivil seit vielen Jahren mit gewaltkritischer Kunst auseinandersetzt:
- seit 1988 enthält jede Ausgabe in der Rubrik „Galerie“ die Vorstellung eines Kunstwerks, das sich mit Krieg und Frieden, Gewalt und Gewaltlosigkeit befasst
- im zweijährigen Rhythmus, seit 1989, wird der zivil-Kunstpreis ausgeschrieben, für den bis heute mehrere hundert Arbeiten aus der Leserschaft eingereicht wurden
- im Jahr 2002 erschien das zivil-Buch – und Medienpaket „Die Kunst des Friedens“, das sich medienpädagogisch mit Gewalt-Kritik und Friedens-Zeichen in der Bildenden Kunst auseinandersetzt 2.
Auch in Zukunft wird zivil sich mit dem „Kunststück“ des Friedens befassen und dies auch als einen Beitrag zur Ökumenischen Dekade zur Überwindung von Gewalt (2001-2010) verstehen, ganz im Sinne der vom norwegischen Friedensforscher Johan Galtung formulierten Erkenntnis: „Die Gestaltung einer Kultur des Friedens ist nicht nur eine Anforderung an den Intellekt, sondern eine Angelegenheit aller Sinne.“
1 Die Wanderausstellung „Zivi(l)-ART – Kunst von Kriegsdienstverweigerern“ wird herausgegeben von der Zeitschrift zivil. Sie wurde am 28. September 2004 in Speyer eröffnet.
Anfragen zur Ausleihe bitte richten an die Redaktion zivil, Rosenbergstraße 45, 70176 Stuttgart, Tel 0711/636 82 14, Fax 0711/636 90 09, redaktion.zivil@t-online.de, www.zivil.de.
2 „Die Kunst des Friedens – Gewalt-Kritik und Friedens-Zeichen in der Bildenden Kunst“ Ein Arbeitsbuch mit Dia-Serie. Herausgegeben von „zivil – Zeitschrift für Frieden und Gewaltfreiheit“ der Evangelischen Zivildienstseelsorge und EAK – Evangelische Arbeitsgemeinschaft zur Betreuung der Kriegsdienstverweigerer. Die Dia-Serie ist vergriffen. Sie kann bei einigen Evangelischen Medienzentralen ausgeliehen werden.