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Stuttgarter Vesperkirche
Gülseren Deli, 30 Jahre, Frisörin, engagiert sich in der Stuttgarter Vesperkirche und schneidet Bedürftigen kostenlos die Haare.

»Die Menschen ein bisschen glücklicher machen«

„Vor zwei Jahren erzählte mir einer unserer Kunden im Friseursalon, dass er ehrenamtlich als Koch bei der Stuttgarter „Vesperkirche" mitarbeite. Bei diesem Projekt wird eine große Stuttgarter Kirche in den Wintermonaten für obdachlose und finanziell schlecht gestellte Menschen geöffnet. Sie können dort essen, Kaffee trinken, reden… Ich sagte spontan: Samstags arbeite ich ja nicht, da könnte ich doch kommen und den Leuten die Haare schneiden.

Jetzt mache ich das immer 14-tägig – und da habe ich allerhand zu tun. Wenn ich komme, dann sitzen die Leute schon auf einer langen Kirchenbank und warten, bis sie dran sind. So um die 30, 35, manchmal auch mehr Haarschnitte stehen dann an. Mehr Männer als Frauen – ab und zu sind auch Kinder dran.

Alle hier arbeiten ohne Geld. Und die Geräte und Utensilien, die ich mitbringe, gehören mir privat. Ich mach’s gern und ich habe samstags Zeit – warum soll man nicht ein bisschen helfen, wenn man kann? Für mich ist das hier nicht viel anders, als bei meiner Arbeitsstelle. Ich sage immer: Ich frisiere, sofern ich mit dem Kamm durch die Haare komme. Und das geht fast immer. Meine Chefin findet das gut, was ich hier mache, manchmal kommt sie auch selber vorbei.

Letzte Woche war eine Frau da, ziemlich gestylt, und als sie drankam, sagte sie mir, sie sei selbst Friseurin und lebe zurzeit von Hartz IV. Da hab ich sie gefragt: „Warum machen Sie dann nicht hier mit, Sie haben ja Zeit?" Da sagte die: „Pfui, das könnte ich nicht, das wäre mir zu ekelhaft." So was verstehe ich nicht. So etwas wie „Berührungsängste" habe ich noch nie gehabt, im Gegenteil – die Menschen hier sind oft sogar angenehmer. Die haben Humor, nicht immer, aber oft. Ich rede viel mit den Menschen, frage sie, was sie so machen oder früher gemacht haben. Manchmal hat man auch den Eindruck, dass hier Kunden kommen, die eigentlich Geld haben. Aber ich frage nie nach.

Mich freut das, wenn ich die Menschen ein bisschen glücklicher machen kann, wenn ich sehe, dass die hier auf dem Stuhl ein paar Minuten alles vergessen. Was ich nicht leiden könnte, wäre, wenn die Leute mir dumm kämen, aggressiv, oder mich blöd anmachen würden. Aber das gab’s ehrlich noch nie."

 

Aufgezeichnet von Werner Schulz