Museen für den Frieden
In Deutschland gibt es derzeit acht Friedensmuseen – jedes mit einer eigenen Geschichte und einem besonderen Charakter
Ein Überblick von Werner Schulz Keine Stadt ohne Kriegerdenkmal, keine Burg ohne Waffenschau. An Krieg, große Schlachten und berühmte Feldherren erinnern in Deutschland ungezählte Denkmale, Gedenkstätten und Museen. Weit seltener dagegen sind Ausstellungen zu finden, die sich ausschließlich dem Frieden und der Gewaltfreiheit verschrieben haben. Immerhin acht Friedensmuseen gibt es in Deutschland. Weltweit sind es rund einhundert. Oft ist allerdings die Bezeichnung „Friedensmuseum“ irreführend, dann jedenfalls, wenn es nur um die Zurschaustellung von Kriegsgerät und Zerstörungskraft von Waffen geht. International haben sich Friedenmuseen deshalb zu einem Netzwerk zusammengeschlossen, in das nur Museen aufgenommen werden, die das gemeinsame Ziel verfolgen, eine „weltweite Kultur des Friedens aufzubauen“. Aktuell hat das Netzwerk 102 Mitglieder.


Die Ausstellung
Die Friedensbibliothek in Berlin „Friedensbibliothek-Antikriegsmuseum der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz“, so lautet der offizielle Titel einer Initiative, die auf eine lange Geschichte zurückblicken kann. Im September 1970 veranstalteten friedensbewegte Menschen im damaligen Ost-Berlin ihre erste halböffentliche Antikriegsausstellung zu den Folgen von Hiroshima und Nagasaki. Im Mai 1984 eröffneten sie einen ständigen Ausstellungsraum und am 9. April 1985 die sogenannte Friedensbibliothek. Friedenspolitik unter dem Blickwinkel des Pazifismus zu diskutieren, das war das Anliegen der Initiatoren, die damit einen couragierten Gegenpol markierten zur offiziellen DDR-Friedensbotschaft, die da lautete „Der Friede muss bewaffnet sein!“. Heute sind die Macher der Friedensbibliothek auch außerhalb ihres festen Standorts im Haus der Demokratie in Berlin aktiv und viel auf Reisen: Im Dezember 2009 konnten sie den 1817. Ausstellungstermin seit Mitte der 1970er Jahre verzeichnen, im Jahr 2009 waren es allein 74 Termine. Insgesamt kamen in all den Jahren mehr als 3,8 Millionen Besucher in die Ausstellungen. Zum ersten Mal gab es 2009 unter anderem Termine in Gdansk (Polen), Elspeet (Niederlande), Letschin, Löcknitz, Luzern(Schweiz), Nordenham, Schriesheim und Szczecin (Polen).
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 13-19 Uhr, Samstag nach Vereinbarung. Friedensbibliothek-Antikriegsmuseum der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin, Telefon: 030/42 017037, www.friedensbibliothek.de

Die Villa
Das Museum „Friedensräume“ in Lindau am Bodensee Das wohl schönste Friedensmuseum in Deutschland befindet sich in einer klassizistischen Villa in Bad Schachen bei Lindau. Umgeben von einer Englischen-Garten-Anlage, liegt das Museum „Friedensräume“ unmittelbar am Ufer des Bodensees. Eingeladen in diese Oase der Ruhe – so heißt es in der Selbstdarstellung des Museums – sind alle, „die der Frieden nicht in Ruhe lässt“. Träger des Museums ist Pax Christi, die internationale katholische Friedensbewegung. Seit 2001 können die Besucherinnen und Besucher hier in verschiedenen Räumen und auf ganz unterschiedliche Weise auf die Suche nach einer friedlicheren Welt gehen. Gestaltet sind die Räume nach modernen museumspädagogischen Konzepten. Menschen, die Mut machen, begrüßen die Gäste im ersten Raum. Beim Erraten ihrer Namen kann jeder sein politisches, geschichtliches und kulturelles Wissen testen. Der „Entscheidungs-Raum“ präsentiert derzeit die Kunstinstallation „Freundbilder und Feindbilder“. Zehn Gesichter schauen den Besucher an und fragen: „Könntest Du mich lieben?“. Zehn Stempel warten darauf, diese Gesichter als Freund oder Feind abzustempeln. Es dreht sich hier alles um menschliche Beziehungen. Das rote Lippensofa von Salvatore Dali ist der beliebteste Platz der zahlreichen jungen Gäste. Der „Werk- Raum“ ist ein Ort für kleine künstlerische Ausdrucksformen von Kindern und Jugendlichen. Hier können Schulklassen auch auf Reisen in fremde Welten gehen. „Xenophilia“ heißt das Computerspiel, das den Besuchern andere Länder und andere Sitten vorstellt. Im „Hör-Raum“ gibt’s was auf die Ohren: Fünf Hörstühle laden ein zu hören, ob und wie Sprache und Musik im Zusammenhang mit Gewalt und Frieden stehen können. Der „Garten-Raum“ schließlich ist ein Ort für Friedens-Gespräche und Friedens-Spiele. Hier wachsen solch seltsame Gewächse wie die „Wutknolle“ und der „Friedensfenchel“… Ein Veranstaltungsprogramm bietet von April bis Oktober interessante Impulse und Begegnungen.
Die Friedensräume sind vom 18. April bis 17. Oktober geöffnet: Dienstag bis Samstag 10-13 und 14-17 Uhr, an Sonn- und Feiertagen 14-17 Uhr. Friedensräume – Villa Lindenhof , Lindenhofweg 25, 88131 Lindau-Bad Schachen, Telefon/Fax 08382/2 45 94, www.friedens-raeume.de

Die Ermutigung
Das Antikriegshaus Sievershausen Das Antikriegshaus Sievershausen ist eine sehr lebendige Einrichtung, die durch die Ideen und Aktionen der Besucher immer weiter wächst. So war es eine Gruppe von internationalen Workcampteilnehmerinnen und -teilnehmern, die 1997 ein großes Deserteursdenkmal auf dem Gelände des Antikriegshauses Sievershausen erbaut haben. Drei mal fünf Meter umfasst die Mauer, in die ein Durchbruch in Form einer menschlichen Silhouette eingelassen ist. Auf einer Gedenktafel heißt es: „Zur Erinnerung an die vergessenen Menschen, die sich nicht am kriegerischen Morden beteiligten und of mit dem Tode oder Kerker bestraft wurden. Wir unterstützen Menschen, die den Kriegsdienst verweigern und arbeiten für die Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung als ein Menschenrecht.“ 2003, zum 450. Jahrestag der legendären Schlacht von Sievershausen, wurde unmittelbar am Rande des Schlachtfeldes das „UmDenkmal“ eingeweiht: Eine Schmiedearbeit nach dem Motto „Hellebarden zu Rosenstöcken“, die ein Zeichen für die Hoffnung auf Frieden sein will. Auch ein „DankMal“ für gelebte Menschlichkeit steht auf dem Gelände des Antikriegshauses. Zusammen mit dem DankMal-Archiv soll es an die Menschen erinnern, die in der NS-Zeit Verfolgten geholfen haben. Ein geräumiges Seminarhaus kann von Gruppen als Selbstversorgerhaus gemietet werden. Alle zwei Jahre vergibt das Antikriegshaus einen sehr beachteten Friedenspreis, die sogenannte „Sievershäuser Ermutigung“.
Antikriegshaus Sievershausen, Dokumentationsstätte zu Kriegsgeschehen und über Friedensarbeit, Kirchweg 4A, 31275 Lehrte-Sievershausen, Telefon: 05175/5738, www.antikriegshaus.de

Die Bewegung
Das Friedensmuseum Nürnberg „Das weiche Wasser bricht den Stein“, so lautet das Motto des Friedensmuseums in Nürnberg, das sich speziell dem Engagement der deutschen Friedensbewegung seit 1945 verschrieben hat. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Beteiligung von Frauen in der Geschichte des deutschen Pazifismus und Antimilitarismus gelegt. Die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner, die Geschwister Scholl oder die Nürnberger Pazifistin Kunigunde Schumann sind nur einige der Personen, die im Museum porträtiert werden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Darstellung von Methoden und Aktionsformen der Friedenbewegung. Insgesamt will das Museum zur Auseinandersetzung mit den Themen Frieden und Gewaltfreiheit anregen. Neben Ausstellungen – aktuell etwa über den gelungenen Widerstand gegen die WAA Wackersdorf – gibt es fortlaufend Veranstaltungen, Filmabende oder Stadtführungen, die vom Friedensmuseum durchgeführt werden.
Friedensmuseum Nürnberg, Kaulbachstraße 2, 90408 Nürnberg, Telefon 0911/3609577, www.friedensmuseum.odn.de

Die Brücke
Das Friedensmuseum Brücke von Remagen Brücken haben in Kriegen bis heute eine sehr wichtige strategische Bedeutung – und im Frieden eine große Symbolkraft. Das Friedensmuseum in Remagen erinnert an die Geschichte der berühmten Rheinbrücke und an die schweren Kämpfe um ihre Einnahme im März 1945, an denen deutsche, amerikanische, belgische und englische Soldaten beteiligt waren. Mit aller Gewalt, aber letztlich vergeblich, hatte Hitler versucht, die heranrückenden Truppen aufzuhalten und die Brücke in die Luft zu sprengen. In der Nähe des Museums erinnert eine „Friedenskapelle“ an die riesigen Kriegsgefangenenlager, die 1945 von den Alliierten im Ruhrgebiet eingerichtet worden waren. Im Lager Remagen befanden sich bei Kriegsende am 8. Mai 1945 mehr als 134.000 Gefangene. Die Friedenskapelle auf dem Gelände des ehemaligen Camps beherbergt eine Marienstatue, die 1945 aus dem dunklen Lehm des Lagers von einem Gefangenen modelliert worden war und der man den Namen „Schwarze Madonna“ gab.
Das „Friedensmuseum Brücke von Remagen“ist von 7. März bis 15. November geöffnet, täglich von 10 bis 17 Uhr. 53424 Remagen am Rhein, www.bruecke-remagen.de

Der Neuanfang
Das Friedensmuseum in Meeder Schwerter zu Pflugscharen: Das kleine Friedensmuseum im oberfränkischen Meeder hat sich auf die Ausstellung von Kriegsgerät spezialisiert, das von findigen Menschen in der Not zu zivilen Gebrauchsgütern umgearbeitet wurde. In Trägerschaft der evangelischen Kirchengemeinde ist das Museum ein Teil des Gemeindelebens. Die Ausstellungsstücke erinnern die Nachwelt an den Krieg und die sensible Zeit des Neuanfangs, in der – wie es Initiator Pfarrer Karl-Eberhard Sperl ausdrückt – „Frieden beginnt, sich wieder zu verlebendigen“. Die Exponate sind sehr direkt erfahrbar, nicht als Geschichte verpackt und verglast. Man darf sie anfassen und be-greifen: Den Soldatenhelm aus dem Ersten Weltkrieg etwa, der, versehen mit einem Stiel, zur Schöpfkelle wurde und jahrzehntelang in einer Tankstelle friedlich zum Abschöpfen von Altöl diente. Das Küchensieb, einst Wehrmachtshelm, das durch eine Firma aus der Region in Serienproduktion gefertigt und überall auf den Märkten vertrieben wurde. Die Essteller aus dem Propellerholz eines Militärflugzeuges, hergestellt 1946, gestiftet von einer Hausfrau aus München. Krüge und Blumenvasen aus abgesägten AEG-Granaten (1915), ein Feuerzeug aus einer Patronenhülse, Pfannenwender aus Flugzeugblechen, Armschmuck aus Kupfer von Granaten. Und – heute vielbestaunt, früher eher verschämt getragen – das weiße Hochzeitskleid. Es ist so etwas wie das Schmuckstück des Museums. Das Kleid wurde 1946 von Hand genäht, und zwar aus der Seide eines Militärfallschirms.
In Erinnerung an das Ende des Dreißigjährigen Krieges feiern Coburg und die Region seit 1650 (!) ein jährliches Friedensfest. Im nächsten Jahr, 2011, wird das Fest wieder in Meeder stattfinden. Bis dahin soll das Friedensmuseum umgebaut sein und in neuem Glanz erstrahlen. www.friedensdank.de

Das Vorbild
Das Anti-Kriegs-Museum in Berlin 1925 wurde in Berlin das erste deutsche und zugleich das erste europäische Friedensmuseum eröffnet. Unter dem Namen „Anti-Kriegs-Museum“ war es von Anbeginn gedacht als ein Museum zur Ächtung des Krieges – und diesem Konzept ist es bis heute treu geblieben. Das Berliner Friedensmuseum zeigt den Krieg „von unten“, das heißt von seiner wahren und eigentlichen, seiner hässlichen und grausamen Seite. Der Gründer, Schriftsteller und Publizist Ernst Friedrich (1894-1967), war ein radikaler Pazifist. Sein Buch „Krieg dem Kriege“ von 1924 ist heute ein Klassiker der internationalen Antikriegsliteratur. Schon 1930 erreichte es die sensationelle Auflage von 50.000 Exemplaren. Inzwischen ist das Buch in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die Fotos, die Ernst Friedrichs Buch „Krieg dem Kriege“ zum Antikriegs-Schocker machten, sind großformatig im Museum zu sehen: so brutal, so wenig edel oder gar heldenhaft sieht er aus, der Krieg. Die ihn miterlebten, die wussten das, die kannten solche Bilder. Nur: ausgestellt und öffentlich gemacht hatte solche Fotos vor Friedrich keiner. Das Museum in Berlin stellt auch den Alltag des Krieges für die Zivilbevölkerung nach, etwa in einem originalgetreuen Luftschutzkeller: So wie hier, in stickiger Luft und drangvoller Enge, müssen die Menschen, vom Kleinkind bis zum Greis, in deutschen Städten Bombennacht um Bombennacht ausgesessen haben. Original Tonbandaufnahmen erinnern lautstark an die Hölle der Bombenhagel. Draußen das Chaos, drinnen die Ordnung: an der Wand unübersehbar die Verordnung über die „Pflichten der Insassen“. Erstens: „Ruhe bewahren!“ Zahlreiche Zitate gegen den Krieg sind an den Wänden des Museums zu finden, bisweilen mit erschreckender Aktualität: „Erst das stehende Heer, das unbeschäftigt ja ein Widersinn ist, hat den neuen Stil der Politik bestimmt. Das stehende Heer will nicht stehen.“ Otl Aicher (1922-1991)
Das Berliner Anti-Kriegs-Museum in der Brüsseler Straße 21, 13353 Berlin, Nähe U-Bahnhof Amrumer Straße, ist täglich geöffnet von 16 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos. Träger des Museum ist ein eingetragener Verein. Gruppenführungen sind auch außerhalb der Öffnungszeiten möglich. Telefon 030/402 86 91, www.anti-kriegs-museum.de.
Das Zentrum
Das Martin-Luther-King-Zentrum in Werdau, Sachsen Das Martin-Luther-King-Zentrum für Gewaltfreiheit und Zivilcourage mit dem Archiv „DDR-Bürgerbewegung“ wurde 1998 ins Leben gerufen. Es hat seinen Sitz im „Torbogenhaus“ in Werdau-West. Das Zentrum versteht sich als Initiative der Friedensbewegung und knüpft an das Gedankengut der gewaltfreien Konfliktlösung Martin Luther Kings an. Durch Bildungsmaßnahmen, Ausstellungen und Dokumentationen soll das Erbe der Gewaltfreiheit bewahrt werden. Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Sammlung von Zeugnissen der Opposition und Repression in der ehemaligen DDR.
Öffnungszeiten nach Absprache. Telefon 03761/760284, www.king-zentrum.de
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