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Porträt
Mit der weißen Fahne um die Welt: Max Daetwyler 1963 in New York

 

»Die Waffen nieder –
das wäre Christentum!«

Max Daetwyler (1886-1976):
Vom Kriegsdienstverweigerer zum Schweizer »Friedensapostel«

Von Friedhelm Schneider
5. August 1914. Auf dem Kasernenhof der Ostschweizer Garnisonsstadt Frauenfeld stehen 1.263 Rekruten zur Vereidigung bereit. Plötzlich tritt einer von ihnen aus der Reihe und ruft den Kameraden mit lauter Stimme zu: „Ich bin gegen den Krieg! Ich werde den Eid nicht leisten!“ Max Daetwyler, der erste Schweizer Kriegsdienstverweigerer zu Beginn des Ersten Weltkrieges, wird auf der Stelle festgenommen und abgeführt. Gegenüber seinen Vorgesetzten erklärt er: „Meine Herren, ich weiß, dass die Lehre Christi großartig ist, und ich erinnere mich, dass es in der Schrift heißt, du sollst nicht schwören und du sollst nicht töten. Sie verlangen von mir das Gegenteil, dass ich schwören und dass ich töten soll. Ich berufe mich auf die Lehre Christi. Sie können mit mir machen, was Sie wollen, ich nehme keine Waffe in die Hände.“ Im Rückblick notiert Daetwyler später: „Die Eidverweigerung kam ohne weiteres Besinnen… Mich überkam das unangenehme Gefühl, dass wir nun schwören sollten für eben das, was mir im Innersten so zuwider war. Jetzt muss es geschehen, dachte ich auf dem Kasernenplatz.“
Bis 1914 hat der Hotelierssohn Max Daetwyler an allen militärischen Übungen teilgenommen, zu denen er einberufen wurde. Der Familientradition entsprechend galt im Zivilleben sein berufliches Engagement dem Gaststättengewerbe, zuletzt als Geschäftsführer des Berner Ratskellers.

Als Kriegsdienstverweigerer im gesellschaftlichen Abseits

Mit dem Tag, an dem Daetwyler seinem Gewissen folgt und sein Nein zum Krieg öffentlich macht, beginnt der Weg ins gesellschaftliche Abseits. Auf Betreiben des Militärs überführt man den Verweigerer in psychiatrische Internierung. Da die behandelnden Ärzte nicht das allgemeine Massentöten im Krieg, sondern den persönlichen Protest dagegen als Ausdruck geistiger Fehlorientierung ansehen, wird Daetwyler wegen Geisteskrankheit für dienstuntauglich erklärt. Dieses Urteil bewahrt ihn zwar vor einem Kriegsgerichtsverfahren; doch zusammen mit den Schlagzeilen, die der Fall in der Öffentlichkeit macht, trägt es dazu bei, dass Daetwyler in seinem bisherigen Beruf nicht mehr Fuß fassen kann. Die schroffe Ablehnung, die ihm aus den national gesonnenen Kreisen der bürgerlichen Gesellschaft entgegenschlägt, bestärkt Max Daetwyler in seiner Verpflichtung, „der Schmach des Krieges entgegenzutreten“. Während außerhalb der Schweizer Grenzen die Vernichtungsmaschinerie des Ersten Weltkrieges wütet, entdeckt Daetwyler im Eintreten für Menschenliebe und Weltfrieden die große Berufung seines Lebens.
In der Berner Zeitung „Der Bund“ erscheinen 1915 Daetwylers erste Friedensappell-Inserate, in denen er unter anderem erklärt: „Die Erfahrung lehrt, dass der Krieg gegen das Interesse der Völker ist.“ Fortan widmet er sich ganz der von ihm gegründeten „Friedensarmee“, die als ziviler Gegenpol zu den nationalen Militärorganisationen die Förderung eines Friedensschlusses, die Aufklärung des Volkes zur Vermeidung künftiger Kriege und die Unterstützung von Kriegsopfern anstrebt. Daetwyler ist überzeugt, dass nur der Druck der Bevölkerung die herrschenden Politiker zur Beendigung des Weltkrieges veranlassen kann. Um sich und seine Friedensmission finanziell über Wasser zu halten, eröffnet der ehemalige Gastwirt eine Reisebuchhandlung. Als umherziehender Buchhändler verkauft er Bücher, verteilt Flugblätter und sammelt Geld für seine Friedensarbeit. Zugleich organisiert er Friedenskundgebungen oder wirkt als Redner an Versammlungen mit. Dabei bleiben Konflikte mit den Ordnungshütern nicht aus. Im November 1917 demonstriert er in Zürich zusammen mit linkssozialistischen Gruppen für einen sofortigen Waffenstillstand. In seiner Rede animiert er die Soldaten zur massenhaften Dienstverweigerung, zugleich ruft er zur Besetzung der benachbarten Munitionsfabriken auf. Bewaffnete Polizeieinheiten greifen ein. Unter den mehr als 1000 Demonstranten kommt es zu Tumulten und gewaltsamen Ausschreitungen, die Daetwyler aufs schärfste missbilligt.

Gegen die „Verbrecherbuden der Munitionsfabrikation“

Als er verhaftet wird, erläutert er seine Sicht der Dinge: Da „geht dieses Volk hin und liefert seinen Brudervölkern Millionen Mordwaffen in Gestalt von Munition… Seht ihr nicht, wie diejenigen, die dem Volk als Leuchten vorangehen sollten, im Judasblut schwimmen, wie sie die Todesnot von Millionen Brüdern dazu ausnutzen, ihre Säcke zu füllen… Und nun klagt man mich an, ich hätte Aufruhr gestiftet, weil ich hineindrang in diese Verbrecherbuden der Munitionsfabrikation & sie hinaustrieb. Ich sei gemeingefährlich, sagt man, statt diese Verbrecher als gemeingefährlich hinzustellen.“ Bei der Schweizer Obrigkeit findet Daetwyler für seine Argumentation kein Verständnis. Der Friedensaktivist, der nicht in die herrschenden Denkschemata passt, wird drei Monate lang in Untersuchungshaft genommen und für weitere drei Monate in einer psychiatrischen Klinik interniert.

Im Juli 1918 heiratet Max Daetwyler die Bauerntochter Clara Brechbühl. Clara, mit der er zwei Kinder haben wird, hält trotz Haft und „Irrenhaus“ zu ihm und lässt sich auch durch die zu erwartende unsichere Existenz des „Friedensapostels“ nicht abschrecken. Die beiden lassen sich in Zumikon bei Zürich nieder, wo sie eine kleine Landwirtschaft betreiben, während Max seinen Buchhandel weiterführt. Claras praktischer Fürsorge und Konfliktfähigkeit ist es zu verdanken, dass die Familie über die lebensnotwendigen Mittel verfügt, obwohl für ihren Mann die Finanzierung seiner gelegentlich hochfliegenden Friedensprojekte an erster Stelle steht. Einen regelmäßigen Streitpunkt bildet die Belastung des Familienetats durch Bußgeldbescheide, die Max wegen nicht genehmigter Veranstaltungen, unerlaubten Spendensammelns oder Störung der öffentlichen Ordnung erhält. Zu jahrelangen Gerichtsverfahren führt darüber hinaus Daetwylers hartnäckige Weigerung, Militärsteuer zu zahlen.
Unter den zahlreichen Aktionen der Folgejahre sorgt Ende 1933 eine Symbolhandlung für Aufsehen, die Daetwylers Kritik an den christlichen Amtskirchen öffentlich macht: Nachdem er der Presse sein Vorhaben angekündigt hat, übermalt Daetwyler mit weißer Farbe den Schweizer Soldaten, der am Altar der Zürcher Antoniuskirche großformatig abgebildet ist. Er versteht diese Aktion als „Protest gegen eine heuchlerische, lügenhafte Kirche, die auf der einen Seite die Liebeslehre des Jesus von Nazareth vertritt und auf der anderen Seite den Staat und den Militarismus verherrlicht“. Wieder folgen Gefängnis und „Irrenanstalt“. Max Daetwyler, damals noch protestantisches Kirchenmitglied, kommentiert das ihn belastende psychiatrische Gutachten mit den Worten: „Meine Wahnideen decken sich vollständig mit den Ideen von Jesus, Tolstoi und Gandhi. Die Psychiatrie ist dazu da, um unbequeme Leute zu entfernen.“ Nur knapp entgeht der „Friedensapostel“ der Gefahr, für unzurechnungsfähig erklärt und unter Vormundschaft gestellt zu werden.

„Ja, Sie sind ein Vorkämpfer des Friedens. Mein Streben geht in die gleiche Richtung... Der Geist der wahren Menschlichkeit muss in uns zur Herrschaft kommen. Dann wird eine andere Politik als die heutige möglich werden. Wir bemühen uns beide in demselben Kampf, jeder an seinem Platz. Also fortgekämpft und fortgerungen...“
Albert Schweitzer an Max Daetwyler (Februar 1964)

„Für mich bleibt Max Daetwyler einer der wenigen großen Schweizer dieses Jahrhunderts, ein Visionär von beeindruckendem persönlichem Mut und tiefer menschlicher Klugheit.“
Jean Ziegler, ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, 1990

Friedensmarschierer zur „Vernichtung des Krieges“

Anfang 1932 entdeckt Daetwyler mit dem Friedensmarsch eine Aktionsform, auf die er in den kommenden Jahrzehnten immer wieder zurückgreifen wird. Begleitet durch eine kleine Gruppe von Getreuen läuft er von Zürich nach Genf, wo er beim Völkerbund „für totale, absolute Abrüstung“ und, einige Jahre später, für die Errichtung der Vereinigten Staaten von Europa eintreten will. 1938 geht es von Zürich nach Paris, 1960 von Zürich nach Berlin, in den 1960er Jahren fünfmal von New York nach Washington. Seit 1941 trägt er weit sichtbar eine weiße Fahne, die als publikumswirksames Markenzeichen des Friedensmarschierers ebenso bekannt wird wie sein imposanter Vollbart. Als Mann der Friedensappelle, dessen starkes Sendungsbewusstsein sich mit realpolitischer Situationsanalyse, mit langwierigen Annäherungsprozessen und Kompromissbemühungen nicht so recht anfreunden kann, bleibt Max Daetwyler ein Einzelgänger. So kommt es, dass er auch vor illusionären Zielen nicht haltmacht. Mehrfach versucht er erfolglos, mit seiner Friedensfahne ins nationalsozialistische Deutschland zu gelangen, um Hitler seinen Vorschlag für einen Waffenstillstand zu unterbreiten. Erst nach dem Kriegsende kann er die Bundesrepublik Deutschland besuchen, die er als schlafenden Riesen, „gebunden durch den amerikanischen Dollar und die russische Faust“, vorfindet. Zwischen 1960 und 1971, dem Jahr seines 85. Geburtstags, bereist er mit seiner Botschaft zur „Vernichtung des Krieges“ und der Atomwaffen über ein Dutzend Länder, darunter Ägypten, Israel, die USA, Kuba und die Sowjetunion. Zwischenzeitlich protestiert er in seinem Schweizer Wohnort gegen Schießübungen für Jugendliche und fährt fort, die Schweizer Rüstungsproduktion anzuprangern.
Am 5. August 1974 besucht der 88-jährige Max Daetwyler noch einmal den Kasernenhof von Frauenfeld, auf dem er genau sechs Jahrzehnte zuvor den Kriegsdienst verweigerte. Er führt Gespräche mit den Rekruten. Von dem Oberst, der seinen Besuch erlaubt hat, verabschiedet er sich mit den Worten: „Die Waffen nieder – das wäre Christentum“.

Gewissensorientierung

Als friedensbewegter Einzelgänger bleibt Max Daetwyler zeitlebens umstritten. Seine Gegner tun ihn als „Spinnapostel“ und naiven Weltverbesserer ab oder sie belächeln ihn als modernen Don Quichotte, der gegen Windmühlen kämpft. Seine Freunde erinnern daran, dass der „Friedensapostel“ frühzeitig zentrale Fragen der Friedensdiskussion in die Öffentlichkeit gebracht hat und nicht müde geworden ist, zur Förderung von Weltfrieden und Humanität an die Verantwortung der Mächtigen zu appellieren. Daetwyler selbst schreibt rückblickend in einem seiner zahlreichen Briefe: „Ich war mit meinem Leben sehr zufrieden. Ich habe immer, so gut ich konnte, mich nach meinem Gewissen orientiert.“

Zum Weiterlesen:
Stephan Bosch: „Max Daetwyler – Der Friedensapostel. Mit der weißen Fahne um die Welt“
rüffer&rub Sachbuchverlag, Zürich 2007,
384 Seiten, 28,40 Euro