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Hintergrund
„Was hier passiert ist, das müssen alle erfahren“ – Die Gruppe der ZDL im Dokumentationszentrum

Zivildienstleistende besuchen die Gedenkstätte Grafeneck – mehr als 10.600 behinderte und als psychisch krank eingestufte Menschen wurden hier vor 70 Jahren ermordet.

Grafeneck war erst der Anfang

Von Werner Schulz

Eine idyllische Burg auf dem Berg, einsam und abgeschieden – ideale Bedingungen für ein verschwiegenes Jagd- und Lustschloss. Man kann sich gut ausmalen, was vor rund 200 Jahren die württembergischen Herzöge bewogen hatte, die Sommermonate mit Gästen und Mätressen ausgerechnet auf Schloss Grafeneck zu verbringen. Noch heute thront das Herrschaftshaus majestätisch über dem Tal und erlaubt herrliche Ausblicke hinunter auf Wälder und Weiden – umgekehrt jedoch lässt die Lage nur wenig Einblicke zu.
Weit weg von Dörfern und Städten, eigenständig und autonom – gut denkbar, dass gerade dies die Gründe waren, die 120 Jahre später Diakone der Samariterstiftung bewogen, Schloss, Gesindehäuser und Stallungen in Grafeneck als idealen Standort für eine neues „Krüppelheim“ auszuwählen. Weit abseits vom normalen Leben – dort entstanden die Heime alle in jener Zeit. 1930 wurde das  „Samariterstift Grafeneck“ eingeweiht, eine Anstalt mit landwirtschaftlichem Betrieb.
Neun Jahre später schon ist es abermals die Einsamkeit des Ortes, die neue Begehrlichkeiten weckt: „Für Zwecke des Reiches“ lässt der württembergische Innenminister die gesamte Anlage Grafeneck  beschlagnahmen, Mitarbeiter und rund 100 behinderte Bewohner werden von einem Tag auf den nächsten vertrieben. Die Hintergründe und Motive allerdings, die diesmal für die Wahl des abgeschiedenen Ortes ausschlaggebend waren, entziehen sich normaler menschlicher Vorstellungskraft: Grafeneck sollte zur zentralen Mordanlage werden für Menschen mit geistiger Behinderung und psychischer Erkrankung, Menschen, deren Existenz den NS-Ideologen als „unwertes Leben“ galt. In dieser versteckten Ecke der Schwäbischen Alb rechneten Hitlers Rassestrategen mit optimaler Geheimhaltung und geringem Problem- oder gar Widerstandsrisiko. Am Ende sollten diese Pläne aufgehen: Mehr als 10.600 Menschen wurden in Grafeneck systematisch vergast und anschließend verbrannt. Gestoppt wurde die höllische Vernichtungsmaschinerie erst, als es im „Einzugsgebiet“ tatsächlich keine behinderten oder als „psychisch krank“ eingestuften Menschen mehr gab... (mehr steht in der neuen zivil

NS-Propaganda: „Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres im Durchschnitt 50.000 Reichsmark“ – Mit solchen Rechnungen sollte die „Endlösung der sozialen Frage“ plausibel gemacht werden

»Aktion T4«

Schon 1924 schrieb Hitler in „Mein Kampf“: „Wenn da keine Kraft mehr ist, für die eigene Gesundheit zu kämpfen, endet das Recht zu leben.“ Ab 1939 setzten die Nationalsozialisten die unmenschliche Ideologie vom „unwerten Leben“ mithilfe von skrupellosen Medizinern in ein geheimes Vernichtungsprogramm um. Zuerst wurden per Erlass Ärzte und Hebammen aufgefordert, über die Geburt „idiotischer“ und behinderter Kinder den Gesundheitsämtern Meldung zu erstatten. Die Kinder wurden dann in verschiedene Anstalten gebracht, wo sie vergiftet oder durch Nahrungsentzug umgebracht wurden. Zehntausende Kinder verloren durch diese Aktion, der man den verharmlosenden Namen „Euthanasie“ („schöner Tod“) gab, ihr Leben. Im Oktober 1939 verfügte Hitler, dass auch „unheilbar Kranken“ der „Gnadentod“ gewährt werden solle. Dieser Befehl, auf dem offiziellen Schriftstück zurückdatiert auf den 1. September, den Tag des deutschen Angriffs auf Polen, markierte den Beginn der „Aktion T4“.
Der Deckname geht zurück auf die Berliner Tiergartenstraße 4, in der bis zu 300 Beamte und Angestellte die geheime „Euthanasie“-Strategie der Nazis abwickelten. Die systematische Erfassung der Bewohner von Heil- und Pflegeanstalten und Behindertenheimen begann am 9. Oktober 1939. Bis Ende des Krieges wurden im Gebiet des Deutschen Reiches mindestens 200.000 Menschen aus Psychiatrien und Heimen getötet. Neben Grafeneck wurden zwischen 1939 und 1941 fünf weitere „Euthanasie“-Tötungsanlagen errichtet, und zwar in Brandenburg, in Pirna (Sonnenstein), in Hartheim bei Linz, in Bernburg an der Saale und in Hadamar bei Limburg.
Nachdem die „Aktion T4“ im August 1941 eingestellt wurde, kam es zur Selektion und Tötung neuer Menschengruppen – unter derselben Tiergartenstraßen-Bürokratie: Wohnsitzlose, „Arbeitsscheue“, Tuberkulosekranke… 1942 schickte die Tiergartenstraße 4 über 100 ihrer „Fachleute“ zur „Endlösung der Judenfrage“ nach Osten.